Wasser spritzte, als ich mit einem mehr oder weniger gekonnten Kopfsprung ins Schwimmbecken sprang. Rasch schwamm ich ein paar Bahnen im angenehm warmen Wasser. Es war nicht viel los im städtischen Schwimmbad, so dass ich beim Rückenschwimmen und beim Kraulschwimmen nicht soviel Rücksicht auf die anderen Schwimmer nehmen musste. Ich erhöhte stetig das Schwimmtempo vom gemächlichen Einschwimmen bis zum Wettkampftempo. Irgendwann hatte ich genug und lehnte mich schwer atmend und Luft holend an die Wand des Schwimmbeckens. Ich war schon mal besser in Form gewesen, musste ich mir eingestehen. Ein Blick auf die große Uhr über dem Sprungturm bestätigte mir das Gefühl meines Magens. Es war Zeit, etwas zu essen. Also kletterte ich an der Leiter aus dem Becken und ging zur Dusche.
Etwas gedankenverloren stellte ich mich unter die Heißwasserdusche. Erst ein lauter Schrei ließ mich aufschrecken. Ich drehte mich um. Am fernen Ende des Duschraumes stand eine Gestalt in enger, weißer Kleidung, weißen Pappflügeln auf dem Rücken, eine weiße, lächelnde Maske vor dem Gesicht und ein großes, blutverschmiertes Messer in der Hand, vor einem leblosen, blutverschmierten Körper auf dem Boden. Es war der Todesengel! Instinktiv wusste ich, dass er eigentlich mich wollte. Warum mich? Das wusste ich nicht, aber er war hinter mir her und würde dafür alles töten, was zwischen uns war. Ich löste mich aus meiner Erstarrung und ging, so rasch es auf dem nassen Boden möglich war, aus dem Duschraum, in Richtung Sammelumkleide. Ich musste hier so schnell wie möglich weg, damit er mich nicht töten konnte. Vielleicht hatte ich eine Chance, wenn es mir gelang, das Schwimmbad zu verlassen.
Mit zitternden Fingern öffnete ich mein Schließfach und riß meine Sachen heraus. Notdürftig rubbelte ich mich mit dem Handtuch ab, dann fing ich an, meine Sachen anzuziehen. Mein Hemd hatte ich bereits über, aber die Hose klebte etwas an meinen noch nassen Beinen. Ich hörte einen Schrei, dann ein Geräusch, wie wenn etwas Schweres zu Boden fällt. Der Todesengel kam näher. Ich zerrte hastig die Hose bis zur Hüfte, verzichtete auf den Gürtel und stolperte zum Ausgang der Sammelumkleide. Ich öffnete die Tür und zuckte zusammen. Direkt vor der Tür lag eine Putzfrau zusammengekrümmt auf dem Boden. Ihre Augen waren schreckgeweitet und sie blutete heftig aus dem Bauch. Der ganze Boden war naß und glitschig vor Blut. Schnell sah ich nach rechts und links. Keine Spur vom Todesengel. Ich versuchte einen großen Schritt über die Blutlache hinweg zu machen. Dann ging alles ganz schnell.
Eine große Hand ergriff mich an der Schulter, riss mich herum, ein weißer Arm schoss vor und ein blutiges Messer stieß in meinen Bauch. Heißer Schmerz durchschoß mich. Meine linke Hand versuchte nach dem Messer zu greifen, rutschte dann aber ab. Ich sah hoch. Kalte Augen sahen mich durch eine weiße Maske mit einem breit lächelnden Mund an. Ich sah wieder runter. Der Todesengel drehte das Messer in meinem Bauch mit einem Ruck im Uhrzeigersinn herum. Mein Magen schien vor Schmerz zu explodieren. Ich brach in die Knie, meine Arme wurden schlaff, ich kippte auf die tote Putzfrau. Das letzte, was ich sah, war das breite Lächeln auf diesem weißen Gesicht.